Das Wichtigste in Kürze
- Hitze kann die äußere Schuppenschicht des Haares schädigen. In einer Laborstudie nahmen die Oberflächenschäden mit steigender Temperatur zu.
- Überraschend: Auch reines Lufttrocknen hinterließ Schäden, und zwar an der inneren Kittsubstanz des Haares, dem Zellmembrankomplex.
- Das Fazit der Autoren: Föhnen mit etwa 15 cm Abstand und ständiger Bewegung verursachte insgesamt weniger Schaden als natürliches Trocknen.
- Glätteisen und Lockenstab arbeiten mit deutlich höheren Temperaturen als ein Föhn und sollten sparsam eingesetzt werden.
Viele Menschen lassen ihre Haare an der Luft trocknen, weil sie glauben, das sei schonender. Tatsächlich ist Hitze ein bekannter Faktor für Haarschäden. Doch eine Studie aus Korea zeigt, dass die Sache komplizierter ist. Wir stellen sie vor und leiten praktische Tipps für den Alltag ab.
Was Hitze mit dem Haar macht
Das Haar besteht überwiegend aus dem Protein Keratin. Die äußere Schuppenschicht (Kutikula) schützt die darunterliegende Faserschicht (Kortex). Zwischen den Zellen liegt der Zellmembrankomplex, eine Art Kittsubstanz aus Lipiden und Proteinen, die die Zellen zusammenhält. Hohe Temperaturen können die Schuppenschicht aufrauen und dem Haar Feuchtigkeit entziehen. Das Ergebnis sind Trockenheit, Frizz, Spliss und Glanzverlust. Bei hellem oder gefärbtem Haar kann sich außerdem die Farbe verändern.
Die Studie: fünf Trocknungsmethoden im Vergleich
Die Forschungsgruppe um den Dermatologen Won-Soo Lee hat 2011 in den Annals of Dermatology eine Laborstudie veröffentlicht. Haarsträhnen wurden 30-mal gewaschen und anschließend auf unterschiedliche Weise getrocknet, jeweils so lange, bis sie vollständig trocken waren. Es gab fünf Gruppen:
- keine Behandlung (Kontrolle)
- Lufttrocknen bei Raumtemperatur (20 °C)
- Föhnen aus 15 cm Abstand für 60 Sekunden (47 °C)
- Föhnen aus 10 cm Abstand für 30 Sekunden (61 °C)
- Föhnen aus 5 cm Abstand für 15 Sekunden (95 °C)
Die Haare wurden mit Raster- und Transmissionselektronenmikroskopie untersucht. Zusätzlich wurden Feuchtigkeitsgehalt und Farbe gemessen.
Die Ergebnisse
- Oberfläche: Je höher die Temperatur, desto stärker war die Oberfläche des Haares beschädigt.
- Faserschicht: In keiner Gruppe wurden Schäden am Kortex beobachtet. Die Autoren vermuten, dass die Oberfläche als Barriere wirkt und das Innere schützt.
- Zellmembrankomplex: Nur in der luftgetrockneten Gruppe war die innere Kittsubstanz geschädigt. Eine mögliche Erklärung, die häufig diskutiert wird: Wenn Haar lange nass bleibt, quillt es auf, was diese empfindliche Struktur belasten kann.
- Feuchtigkeit: In allen behandelten Gruppen sank der Feuchtigkeitsgehalt im Vergleich zur Kontrolle. Die Unterschiede zwischen den Gruppen waren statistisch nicht signifikant.
- Farbe: Beim Lufttrocknen und beim Föhnen mit 95 °C wurde das Haar bereits nach 10 Behandlungen heller.
Die Schlussfolgerung der Autoren: Föhnen verursacht zwar mehr Oberflächenschäden als Lufttrocknen. Föhnen aus 15 cm Abstand und mit ständiger Bewegung richtet insgesamt aber weniger Schaden an als natürliches Trocknen.
Grenzen der Studie
Die Studie wurde an Haarsträhnen im Labor durchgeführt, nicht an Menschen im Alltag. Es wurden 30 Behandlungen untersucht, was etwa einem Monat täglicher Wäsche entspricht. Langzeiteffekte über Monate und Jahre, unterschiedliche Haartypen und der Einfluss von Pflegeprodukten wurden nicht geprüft. Die Ergebnisse geben deshalb eine Richtung vor, sind aber kein endgültiger Beweis. Sie zeigen vor allem: Nicht die Hitze allein, sondern auch die Zeit, die das Haar nass bleibt, spielt eine Rolle.
Glätteisen und Lockenstab
Glätteisen und Lockenstäbe erreichen häufig Temperaturen von 150 bis über 200 °C und haben direkten Kontakt zum Haar. Sie sind damit deutlich belastender als ein Föhn mit Abstand. In ihrer Übersichtsarbeit zu Haarkosmetik beschreibt Gavazzoni Dias unter anderem Glättungsbehandlungen und Färbungen, die die Haarfaser zusätzlich beanspruchen können. Wer sein Haar chemisch behandelt, sollte mit Hitze daher besonders zurückhaltend sein.
So föhnst und stylst du schonender
- Erst Wasser entfernen: Haare nach der Wäsche sanft mit einem Handtuch ausdrücken, nicht rubbeln. So verkürzt sich die Föhnzeit.
- Abstand halten: Etwa 15 cm Abstand zwischen Föhn und Haar, wie in der Studie.
- In Bewegung bleiben: Den Föhn ständig bewegen, statt eine Stelle lange zu erhitzen.
- Mittlere Temperatur: Die höchste Stufe nur kurz nutzen. Zum Schluss ein kalter Luftstoß hilft, die Frisur zu fixieren.
- Nicht stundenlang nass lassen: Wer lieber lufttrocknet, sollte das Haar zumindest nicht lange nass zusammenbinden oder nass ins Bett gehen.
- Hitzestyling dosieren: Glätteisen und Lockenstab nur auf vollständig trockenem Haar, mit möglichst niedriger wirksamer Temperatur und nicht mehrfach über dieselbe Strähne.
- Hitzeschutz: Hitzeschutzprodukte bilden einen Film auf dem Haar und sollen die Belastung verringern. Die Wirkung hängt stark von der Formulierung ab.
- Pflegen: Ein Conditioner glättet die Schuppenschicht und reduziert Reibung. Mehr dazu im Artikel Haare richtig waschen.
Fazit
Lufttrocknen ist nicht automatisch die schonendste Methode. Eine Laborstudie zeigt, dass zu viel Hitze die Oberfläche des Haares schädigt, dass aber auch langes Nassbleiben Spuren hinterlässt. Ein Föhn mit Abstand, mittlerer Temperatur und ständiger Bewegung ist ein guter Kompromiss. Glätteisen und Lockenstab sollten wegen der hohen Temperaturen sparsam eingesetzt werden.
Häufige Fragen
Ist Lufttrocknen schonender als Föhnen?
Nicht automatisch. In der Laborstudie von Lee (2011) nahmen Oberflächenschäden mit der Föhntemperatur zu, aber nur beim Lufttrocknen war die innere Kittsubstanz des Haares (Zellmembrankomplex) geschädigt. Föhnen mit 15 cm Abstand und ständiger Bewegung verursachte insgesamt weniger Schaden als natürliches Trocknen.
Wie föhnt man Haare schonend?
Haare erst mit dem Handtuch ausdrücken, etwa 15 cm Abstand halten, den Föhn ständig bewegen, mittlere Temperatur wählen und zum Schluss kalt föhnen. Nasses Haar nicht lange zusammenbinden oder nass ins Bett gehen.
Wie schädlich sind Glätteisen und Lockenstab?
Sie erreichen 150 bis über 200 °C bei direktem Kontakt und sind deutlich belastender als ein Föhn mit Abstand. Nur auf trockenem Haar, mit möglichst niedriger Temperatur und nicht mehrfach über dieselbe Strähne verwenden.
Quellen
- Lee Y, Kim YD, Hyun HJ, Pi LQ, Jin X, Lee WS. Hair shaft damage from heat and drying time of hair dryer. Ann Dermatol. 2011;23(4):455-462. doi:10.5021/ad.2011.23.4.455
- Gavazzoni Dias MF. Hair cosmetics: an overview. Int J Trichology. 2015;7(1):2-15. doi:10.4103/0974-7753.153450


