Das Wichtigste in Kürze
- Mehrere Meta-Analysen fassen inzwischen über 20 randomisierte, placebokontrollierte Studien zu oral eingenommenem Kollagen zusammen.
- Zwei große Auswertungen von 2021 und 2023 berichten Verbesserungen bei Hautfeuchtigkeit und Elastizität gegenüber Placebo.
- Eine Meta-Analyse von 2025 findet keinen Effekt mehr, wenn sie nur hochwertige oder nicht von der Industrie finanzierte Studien betrachtet.
- Für Kollagen gibt es in der EU keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. Seriöse Anbieter versprechen deshalb keine Wirkung auf die Haut.
Kollagen ist eines der meistverkauften Beauty-Supplements der letzten Jahre. Shots, Pulver, Gummies und Kapseln versprechen in Werbung und Social Media oft sichtbare Ergebnisse. Gleichzeitig liest du immer wieder, Kollagen sei „wirkungslos“, weil es im Magen ohnehin zerlegt werde. Beides greift zu kurz. In diesem Artikel schauen wir uns an, was systematische Übersichtsarbeiten tatsächlich herausgefunden haben, wie belastbar diese Ergebnisse sind und welche Fragen offen bleiben.
Was ist hydrolysiertes Kollagen?
Kollagen ist das häufigste Strukturprotein im menschlichen Körper. In der Haut bildet es zusammen mit Elastin und Hyaluronsäure das Gerüst der Lederhaut. Für Nahrungsergänzungsmittel wird Kollagen aus tierischen Quellen gewonnen, etwa aus Fischhaut, Rinderhaut oder Schweinehaut, und anschließend enzymatisch in kleinere Bruchstücke zerlegt. Dieses Verfahren heißt Hydrolyse. Das Ergebnis sind Kollagenpeptide, also kurze Aminosäureketten, die sich in Wasser lösen und leichter verdaut werden als intaktes Kollagen.
Wichtig für das Verständnis der Studien: „Kollagen“ ist kein einheitlicher Wirkstoff. Die untersuchten Präparate unterscheiden sich in Herkunft, Molekülgröße, Dosis, Einnahmedauer und häufig auch in weiteren Zutaten. Das macht Vergleiche schwierig und ist einer der Gründe, warum Meta-Analysen zu unterschiedlichen Schlüssen kommen.
Was ist eine Meta-Analyse und warum ist sie wichtig?
Eine einzelne Studie mit 60 oder 100 Teilnehmerinnen kann zufällig ein positives oder negatives Ergebnis liefern. Eine Meta-Analyse sammelt systematisch alle passenden Studien zu einer Frage, bewertet ihre Qualität und rechnet die Ergebnisse statistisch zusammen. Sie gilt deshalb als eine der höchsten Evidenzstufen. Aber auch Meta-Analysen sind nur so gut wie die Studien, die in sie eingehen. Wenn viele der Einzelstudien klein sind, kurze Laufzeiten haben oder vom Hersteller des getesteten Produkts finanziert wurden, überträgt sich diese Schwäche auf das Gesamtergebnis.
Meta-Analyse 1: de Miranda et al. (2021)
Die brasilianische Arbeitsgruppe um Rafaella de Miranda hat 19 randomisierte, doppelblinde und kontrollierte Studien mit insgesamt 1.125 Teilnehmenden im Alter von 20 bis 70 Jahren ausgewertet, 95 % davon Frauen [1]. Untersucht wurden Falten, Hautfeuchtigkeit, Elastizität und Festigkeit. In der zusammengefassten Analyse schnitt hydrolysiertes Kollagen bei Feuchtigkeit, Elastizität und Falten besser ab als Placebo. Die Verbesserungen bei Feuchtigkeit und Elastizität bestätigten sich auch in Untergruppenanalysen. Die Autorinnen schließen, dass eine Einnahme über etwa 90 Tage Zeichen der Hautalterung verringern könne.
Meta-Analyse 2: Pu et al. (2023)
Zwei Jahre später veröffentlichte ein Team aus Taiwan im Fachjournal Nutrients eine noch größere Auswertung: 26 randomisierte, kontrollierte Studien mit 1.721 Teilnehmenden [2]. Auch hier zeigte hydrolysiertes Kollagen gegenüber Placebo statistisch signifikante Verbesserungen bei Hautfeuchtigkeit und Elastizität. Interessant sind die Untergruppen: Bei der Hautfeuchtigkeit hingen die Ergebnisse von der Kollagenquelle und der Einnahmedauer ab. Bei der Elastizität fanden die Autoren dagegen keinen signifikanten Unterschied zwischen verschiedenen Quellen. 14 der 26 Studien verwendeten Kollagen aus Fisch.
Die Autoren weisen selbst auf mehrere Verzerrungsrisiken in den eingeschlossenen Studien hin und fordern größere, gut kontrollierte Studien, um die Ergebnisse zu bestätigen. Das ist kein Detail, sondern ein zentraler Teil des Ergebnisses.
Meta-Analyse 3: Myung und Park (2025)
Die jüngste große Auswertung erschien 2025 im American Journal of Medicine [3]. Seung-Kwon Myung und Yunseo Park analysierten 23 randomisierte Studien mit 1.474 Teilnehmenden. Über alle Studien hinweg fanden auch sie Verbesserungen bei Feuchtigkeit, Elastizität und Falten. Dann teilten sie die Studien jedoch nach zwei Kriterien auf:
- Finanzierung: Studien ohne Finanzierung durch Pharma- oder Supplement-Unternehmen zeigten keinen Effekt. Industriefinanzierte Studien zeigten signifikante Effekte.
- Studienqualität: Hochwertige Studien zeigten in keiner Kategorie einen signifikanten Effekt. Studien niedriger Qualität zeigten eine Verbesserung der Elastizität.
Ihr Fazit: Es gebe derzeit keine klinische Evidenz, die den Einsatz von Kollagenpräparaten zur Vorbeugung oder Behandlung der Hautalterung stützt. Branchenverbände haben die Einteilung nach Finanzierung und Qualität kritisiert, etwa weil sehr unterschiedliche Produkte und Dosierungen zusammengefasst wurden. Diese Diskussion ist offen, und sie zeigt, wie stark das Ergebnis einer Meta-Analyse von methodischen Entscheidungen abhängt.
Warum die Ergebnisse so unterschiedlich ausfallen
Auf den ersten Blick widersprechen sich die drei Arbeiten. Bei genauerem Hinsehen beschreiben sie dieselbe Datenlage aus unterschiedlichen Blickwinkeln:
- Viele kleine Studien: Ein großer Teil der Einzelstudien hat weniger als 100 Teilnehmende und Laufzeiten von 8 bis 12 Wochen.
- Unterschiedliche Präparate: Dosis, Herkunft und Zusatzstoffe variieren stark. Ein Getränk mit Kollagen, Vitaminen und Pflanzenextrakten ist nicht direkt mit einem reinen Kollagenpulver vergleichbar.
- Finanzierung: Viele Studien wurden von Herstellern der Rohstoffe oder Endprodukte bezahlt. Das macht sie nicht automatisch falsch, erhöht aber das Risiko für Verzerrungen, etwa durch die Auswahl der Messgrößen oder die Veröffentlichung nur positiver Ergebnisse.
- Messmethoden: Hautfeuchtigkeit und Elastizität werden mit Geräten wie Corneometer oder Cutometer gemessen. Kleine Messunterschiede können statistisch signifikant sein, ohne im Spiegel sichtbar zu werden.
Was bedeutet das für dich?
Die ehrliche Antwort lautet: Die Studienlage ist vielversprechend, aber nicht abschließend. Es gibt eine wachsende Zahl von Studien mit positiven Ergebnissen, und es gibt berechtigte Zweifel an deren Qualität und Unabhängigkeit. Wer Kollagen trinkt, sollte das mit realistischen Erwartungen tun und nicht auf Versprechen hereinfallen, die über die Datenlage hinausgehen.
Genau hier setzt auch das europäische Recht an. Gesundheitsbezogene Angaben auf Lebensmitteln sind in der EU nur erlaubt, wenn die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sie geprüft hat und die EU-Kommission sie zugelassen hat. Für Kollagen gibt es keine solche zugelassene Angabe zur Haut. Zugelassen sind dagegen Aussagen zu bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen, zum Beispiel: „Vitamin C trägt zu einer normalen Kollagenbildung für eine normale Funktion der Haut bei“ [4]. Mehr dazu liest du in unserem Artikel Vitamin C und Kollagen.
Woran du seriöse Informationen erkennst
- Es werden konkrete Studien mit Autoren, Jahr und Fachzeitschrift genannt, nicht nur „Studien zeigen“.
- Auch Gegenbefunde und Grenzen der Studien werden erwähnt.
- Prozentangaben werden mit Kontext genannt: gegenüber Placebo oder nur gegenüber dem Ausgangswert?
- Es gibt keine Heilsversprechen wie „Falten verschwinden in 14 Tagen“.
Fazit
Oral eingenommenes Kollagen ist gut erforscht, aber die Forschung ist nicht so eindeutig, wie es Werbung oft darstellt. Zwei große Meta-Analysen berichten positive Effekte auf Hautfeuchtigkeit und Elastizität, eine aktuelle Meta-Analyse stellt diese Effekte für unabhängige, hochwertige Studien infrage. Wir finden: Beides gehört erzählt. Wenn du Kollagen in deine Routine aufnimmst, dann als Teil eines gesunden Lebensstils mit ausgewogener Ernährung, ausreichend Schlaf und Sonnenschutz.
Häufige Fragen
Wirkt Kollagen trinken laut Studien?
Zwei große Meta-Analysen (de Miranda 2021, Pu 2023) berichten Verbesserungen bei Hautfeuchtigkeit und Elastizität gegenüber Placebo. Die Meta-Analyse von Myung und Park (2025) findet diesen Effekt nicht mehr, wenn nur hochwertige oder unabhängig finanzierte Studien betrachtet werden. Die Studienlage ist vielversprechend, aber nicht abschließend.
Wie lange wurde Kollagen in den Studien eingenommen?
Die meisten Einzelstudien liefen über 8 bis 12 Wochen mit täglicher Einnahme. De Miranda et al. nennen rund 90 Tage als Zeitraum, in dem Veränderungen beobachtet wurden.
Darf ein Hersteller eine Hautwirkung für Kollagen versprechen?
Nein. Für Kollagen gibt es in der EU keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe zur Haut. Zugelassen sind Aussagen zu bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen, zum Beispiel dass Vitamin C zu einer normalen Kollagenbildung für eine normale Funktion der Haut beiträgt.
Quellen
- de Miranda RB, Weimer P, Rossi RC. Effects of hydrolyzed collagen supplementation on skin aging: a systematic review and meta-analysis. Int J Dermatol. 2021;60(12):1449-1461. doi:10.1111/ijd.15518
- Pu SY, Huang YL, Pu CM, et al. Effects of Oral Collagen for Skin Anti-Aging: A Systematic Review and Meta-Analysis. Nutrients. 2023;15(9):2080. doi:10.3390/nu15092080
- Myung SK, Park Y. Effects of Collagen Supplements on Skin Aging: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Am J Med. 2025;138(9):1264-1277. doi:10.1016/j.amjmed.2025.04.034
- Verordnung (EU) Nr. 432/2012 der Kommission vom 16. Mai 2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel. EUR-Lex


